Ein Jahrhundert Wasserversorgung neu gedacht
Mehr Speichervolumen, optimierte Druckzonen und modernste Steuerungstechnik: Mit dem neuen Reservoir Stockeren hat die Wasserverbund Region Bern AG einen wichtigen Knotenpunkt der regionalen Wasserversorgung erneuert. Das grösste Bauwerk bleibt dabei beinahe vollständig unsichtbar – verborgen im Hang oberhalb von Bolligen.
Aus Alt wird Zukunft
Mehr als 100 Jahre lang erfüllte das bestehende Reservoir Stockeren zuverlässig seine Aufgabe. Die Anlage wurde 1920 gebaut und 1978 erweitert. Zuletzt fassten ihre Kammern insgesamt 1’700 Kubikmeter Wasser. Mit der Zeit waren jedoch sowohl das Reservoir als auch das integrierte Stufenpumpwerk sanierungsbedürftig geworden.
Anstelle einer weiteren Sanierung entschied sich die Wasserverbund Region Bern AG für einen Neubau an einem höher gelegenen Standort. Damit bot sich die Gelegenheit, nicht nur die Anlage zu ersetzen, sondern die Wasserversorgung im gesamten Gebiet neu zu ordnen.
Die H.R. Müller AG erarbeitete das Bauprojekt für das neue Reservoir mit Stufenpumpwerk sowie die dazugehörenden Transport- und Erschliessungsleitungen.
26 Meter, die den Unterschied machen
Der maximale Wasserspiegel des neuen Reservoirs liegt auf 707,90 Metern über Meer – rund 26 Meter höher als bei der früheren Anlage. Was nach einem einfachen Höhenunterschied klingt, hat eine grosse Wirkung: Der zusätzliche Druck von ungefähr 2,6 bar ermöglichte eine neue Aufteilung und Optimierung der bestehenden Druckzonen.
Das bisherige Reservoir Wysshus mit seinem Stufenpumpwerk wird dadurch nicht mehr benötigt. Die früher von dort versorgten Gebiete können den Zonen Stockeren und Aebnit zugeteilt werden. Gleichzeitig entfällt auch das bisherige Stufenpumpwerk Lutertal.
So entstand eine einfachere Versorgungsstruktur mit weniger Zwischenstationen und einer höheren betrieblichen Flexibilität.
2’000 Kubikmeter im Hang
Das neue Reservoir besteht aus zwei symmetrisch angeordneten Wasserkammern mit je 1’000 Kubikmetern Nutzinhalt. Insgesamt stehen damit 2’000 Kubikmeter Wasser zur Verfügung – aufgeteilt in Brauch-, Stör- und Löschreserve.
Zwischen den beiden Kammern befindet sich das zweigeschossige Schieberhaus. Dort laufen die technischen Funktionen der Anlage zusammen: Zu- und Ableitungen, Pumpen, Messgeräte, Steuerung und Fernüberwachung.
Eine Leitwand innerhalb der Wasserkammern führt das Wasser gezielt vom Zulauf zur Entnahme. Dadurch bleibt das Wasser in Bewegung und wird in den Kammern kontinuierlich ausgetauscht. Über Fenster oberhalb des Wasserspiegels können beide Kammern kontrolliert werden.
Von aussen ist von diesen Dimensionen kaum etwas zu erkennen. Das 36,4 Meter lange, 16,8 Meter breite und 6,6 Meter hohe Bauwerk wurde in den Hang eingebettet und mit rund einem Meter Erde überdeckt. Sichtbar bleibt im Wesentlichen nur der Eingangsbereich. Die Oberfläche fügt sich wieder in das Gelände ein und kann weiterhin als Weide genutzt werden.
Tief in den Fels gebaut
Bevor das Reservoir im Hang verschwinden konnte, war eine Baugrube von beachtlicher Grösse notwendig. Sie mass rund 38 mal 18 Meter und reichte hangseitig bis zu 9,1 Meter unter das bestehende Terrain.
Der untere Teil der Baugrube lag im standfesten Fels. In den darüberliegenden Schichten musste der Hang auf drei Seiten mit einer Nagelwand und Spritzbeton gesichert werden. Die dafür eingesetzten Nägel erreichten Längen zwischen fünf und neun Metern.
Auch die Wahl des Standorts verlangte sorgfältige Abklärungen. Neben der erforderlichen Höhenlage spielten die Erschliessung, die Hangneigung, mögliche Naturgefahren und eine nahe Hochspannungsleitung eine wichtige Rolle. Der gewählte Standort bot schliesslich die beste Kombination aus Sicherheit, Leitungsanbindung und baulicher Umsetzbarkeit.
Wassertransport über 114 Höhenmeter
Im Reservoir ist ein neues Stufenpumpwerk integriert. Es fördert das Wasser aus Stockeren in das höher gelegene Reservoir Aebnit. Zwischen den beiden Anlagen liegen 114 Höhenmeter – entsprechend einem statischen Druck von 11,4 bar.
Zwei vertikale Hochdruck-Kreiselpumpen mit einer Förderleistung von je 600 Litern pro Minute übernehmen diese Aufgabe. Die Pumpen können einzeln oder gemeinsam betrieben und dank Frequenzumformern dem jeweiligen Bedarf angepasst werden. Ein Druckschlagdämpfer schützt die Anlage vor unerwünschten Belastungen.
Für die Verbindung zum Reservoir Aebnit wurde eine rund 480 Meter lange Druckleitung erstellt. Etwa 315 Meter davon entstanden grabenlos im Spülbohrverfahren. Lediglich die verbleibenden Abschnitte mussten im offenen Graben ausgeführt werden. Parallel zur Wasserleitung verläuft ein Kabelschutzrohr für die interne Kommunikation.
Eine Anlage, die sich selbst meldet
Im Betrieb wird nichts dem Zufall überlassen. Wasserstände, Temperaturen, Drücke, Fördermengen und Pumpenlaufzeiten werden laufend erfasst. Alle Informationen laufen im Steuerschrank des Reservoirs zusammen und werden an das Prozessleitsystem der Wasserverbund Region Bern AG übermittelt.
Auch bei einem Stromausfall bleibt die Kommunikation dank einer batteriegestützten, unterbrechungsfreien Stromversorgung erhalten. Spezielle Filter sorgen dafür, dass nur gereinigte Aussenluft in die Wasserkammern gelangt. Ein Adsorptionsentfeuchter reguliert gleichzeitig das Klima im Schieberhaus.
Unter der Oberfläche bestens vernetzt
Neben den eigentlichen Wasserleitungen waren zahlreiche weitere Verbindungen erforderlich. Vom Reservoir bis zur Krauchthalstrasse wurden Leitungen für Druckwasser, Schmutzabwasser, Rein- und Regenabwasser, Elektrizität sowie die interne Kommunikation erstellt.
Eine neue Zufahrtsstrasse erschliesst den Eingangsbereich. Ihre Entwässerung ist direkt an das neue Ableitungssystem des Reservoirs angeschlossen.
Was an der Oberfläche zurückhaltend erscheint, ist unterirdisch ein komplexes und präzise abgestimmtes Infrastrukturnetz.
Für die nächsten Jahrzehnte gerüstet
Mit dem neuen Reservoir Stockeren wurde weit mehr als ein in die Jahre gekommenes Bauwerk ersetzt. Der Neubau erhöht das verfügbare Speichervolumen, vereinfacht die Druckzonen, verbindet Stockeren direkt mit dem Reservoir Aebnit und schafft eine moderne Grundlage für den langfristig sicheren Betrieb.
Das Projekt zeigt, wie viel Planung hinter einer zuverlässigen Wasserversorgung steckt. Ist die Arbeit abgeschlossen, verschwindet das grösste Bauwerk wieder unter der Landschaft. Seine Wirkung aber bleibt jeden Tag spürbar – bei jedem Liter Wasser, der sicher gespeichert, überwacht und verteilt wird.
Leistungen auf einen Blick
Reservoir
Zwei Wasserkammern mit je 1’000 m³
Gesamtvolumen von 2’000 m³
Maximaler Wasserspiegel auf 707,90 m ü. M.
Rund 26 m höher als die frühere Anlage
Zweigeschossiges Schieberhaus
Moderne Steuerungs- und Fernwirkanlage
Stufenpumpwerk
Zwei Hochdruck-Kreiselpumpen
Förderleistung von je 600 l/min
114 m Höhenunterschied zum Reservoir Aebnit
Einzel- und Parallelbetrieb möglich
Leitungsbau
Rund 480 m Verbindungsleitung zum Reservoir Aebnit
Davon etwa 315 m im Spülbohrverfahren
315 m Druckwasserleitung bis zur Krauchthalstrasse
Zusätzliche Leitungen für Entwässerung, Abwasser, Elektrizität und Kommunikation
Bauwerk
Abmessungen: 36,4 × 16,8 × 6,6 m
Baugrube: rund 38 × 18,3 m
Maximale Baugrubentiefe: rund 9,1 m
Weitgehend in den Hang eingebettet
Oberfläche weiterhin als Weide nutzbar
Projektbeteiligte
Bauherrschaft: Wasserverbund Region Bern AG
Projektierung: H.R. Müller AG